Jedes mal beim Durchblättern des Mitteilungsblattes fiel mir die Fahrt zum Rifugio Firenze, der alten Regensburger Hütte auf. Eine Gebirgsecke, in der ich noch nie war und die nicht nur deswegen einen gewissen Reiz auf mich ausgeübt hat. Ich wollte da schon selber mal hin und nachdem auch 10 Tage vor Beginn der Fahrt noch Plätze frei waren, entschloß ich mich, da einfach mitzufahren.
Als ich mich mit leichtem Rucksack und schwerem Zusatzgepäck (Seil ...) frühmorgens am Abfahrtspunkt einfinde, verspricht der Wetterbericht ein paar heiße Tage mit zwischenzeitlich leichter Gewitterneigung in Südtirol. Meine potentiellen Touren- und Seilpartner sind schnell ausgemacht und so steht einem herrlichen Kurzurlaub in den Bergen nichts mehr im Wege.
Dank modernem, klimatisierten Reisebus kommen wir,
ausgeruht, entspannt und doch irgendwie gespannt auf die kommenden Tage, am
frühen Nachmittag in St. Christina im Grödnertal an. Am Parkplatz der Col Raiser
Bahn trennen sich ehrgeizige Bergsportler
und genußsüchtige
Wellnessbergsteiger. Geschätzte 2/3 der Teilnehmer lassen sich in kleinen,
bequemen Gondeln Richtung Hütte schaukeln. Für mich gilt es zunächst einen Blick
auf die andere Talseite zu machen, denn dort steht der Berg, der jeden Besucher
schon weiter unten im Grödnertal in seinen Bann zieht und von dessen Gipfel ich
schon seit mindestens 20 Jahren träume – der Langkofel. Für heuer bleibt es wohl
wieder einmal nur beim Träumen.
Da ich mich für heute entschlossen habe, ehrgeizig zu
sein, beginne ich in der glühenden Mittagssonne meinen leichten Rucksack und das
schwere Zusatzgepäck zu einer Einheit zu verbinden, die so entstandene schwere
Einheit zu schultern und, zusammen mit dem verbleibenden ehrgeizigen Drittel der
Busmannschaft, langsam Richtung Rifugio Firenze aufzusteigen, noch nicht ahnend,
welche Belohnung an diesem Tag unterwegs auf mich warten sollte. Trotz
gelegentlichem Schatten auf dem schönen, angenehm zu gehenden Weg macht die
Sonne den Aufstieg schon bald zu einem schweißtreibenden Unternehmen. Nach gut
der Hälfte des Weges taucht am Rande des Waldes ganz überraschend meine
unvermutete Belohnung auf, ein kleiner See. Ein Teil unserer Damen ist sofort
fasziniert und entschließt sich spontan zu einem Bad im "kühlen" Nass.
Während Doris sich mit einem Fußbad
begnügt, taucht Evi gleich ganz ein. Auch mich reizt ein kaltes Bad und nach
einigem Zögern entschließe ich mich, es Evi gleich zu tun. Während das kalte
Wasser meine Körpertemperatur nach unten treibt, haben sich auf dem doch stärker
frequentierten Weg noch ein paar fremde Zuschauer eingefunden, die mich nötigen,
etwas länger als geplant im Wasser zu bleiben. Schließlich steige auch ich
wieder aus dem Wasser und wir setzen alsbald unseren Weg zur Hütte fort. Dort
erwarten uns schöne Lager, ein gutes Essen sowie ein herrlicher Blick auf
Geislerspitzen und natürlich auf den Langkofel.
Der nächste Tag beginnt so, wie man es sich in den
Bergen immer wünscht, mit einem strahlend blauen Himmel und Sonnenstrahlen, die
mich in meinem Nachtquartier so allmählich vom Dämmer- in den Wachzustand
gleiten lassen und leider auch mit Zeitgenossen, die, völlig unnötig, viel zu
früh vor dem Frühstück durch die Hütte geistern und meinen, andere, wie z. B.
ich, müßten wenigstens eine halbe Stunde vor dem Frühstück aus dem Bett springen
– 10 Minuten zum „Waschen“ und Anziehen reichen doch, oder?
Dank der vielfältigen Tourenmöglichkeiten müssen nicht
alle am ersten Tag den gleichen Gipfel ansteuern. Manche begnügen sich mit einem
„Spaziergang“ zur Seceda, andere wandern zur Puez Hütte. Für mich steht heute,
zusammen mit Günther, Wolfgang, Hermann und Gerhard, der höchste Gipfel der
Geislerspitzen, der Sas Rigais auf dem Plan. Am frühen Vormittag starten wir 5
mit angemessenem Tempo Richtung Sas Rigais. Der Weg ist anfangs nicht sehr
steil, genau richtig um warm zu werden, was bei diesen hochsommerlichen
Temperaturen heißt, daß der Schweiß noch nicht in Strömen fließt. Nach
vielleicht 45 min. kommen wir allmählich in steileres Gelände. Günter, unser
„Führer“, hat vor uns eine weitere Amberger Gruppe entdeckt, die auf dem
gleichen Weg dem Gipfel des Sas Rigais zustrebt. Andere vor sich laufen zu sehen
ist etwas, das Günter nicht haben kann und außerdem warten da im oberen Teil des
Anstiegs auch noch etliche Seilversicherungen auf uns und in solchem Gelände
kann er erst recht keine anderen vor sich ertragen. Die Folge: Günter erhöht
deutlich das Gehtempo und es dauert nicht lange und unsere Gruppe steht
schweißtriefend als erste am Beginn der Seilversicherungen. Während die anderen
teils mühsam ihr Klettersteigset anlegen, nutze ich die Zwangspause zum
Verschnaufen – manchmal ist es einfach nur angenehm, wenn man gar kein
Klettersteigset besitzt. Wie angekündigt gestaltet sich der Steig recht einfach
und dank Günters Gehtempo sind wir natürlich
selbstredend auch als erste am
Gipfel. Die Pausen eingerechnet haben wir die 1000 Höhenmeter in 2 ¼ Stunden
bewältigt. Was macht man mit dem Rest eines 12 Stunden Schönwettertages, an dem
man in 2 Stunden zum Gipfel düst und in vielleicht 1 ½ Stunden wieder zurück zur
Hütte? Wir haben die Zeit zunächst für eine sehr ausgiebige Gipfelrast genutzt.
Ich persönlich, als Büromensch, genieße das immer sehr, vor allem das
fantastische Gipfelpanorama, das der Saas Rigais bietet und ganz besonders
natürlich den Blick zum Langkofel.
Nach dem gemächlicheren – trotzdem Oberschenkel
strapazierenden – Abstieg nach Westen mit noch mehr Seilversicherungen als beim
Aufstieg, nutzen wir die verbleibende Zeit ausgiebig zum Ausgleich unseres
Flüssigkeitspegels. Die zweite Saas Rigais Truppe kommt geraume Zeit später,
dort hat der Berg heute ein kleines Opfer gefordert. Zum Glück scheint der
Schaden nicht sehr groß und läßt sich wohl mit Wunddesinfektionsmittel und etwas
Zeit wieder beheben. Einige berichten von der schönen Dusche auf der Hütte, ich
dagegen mache – da kein See zur Verfügung steht – nur Körperpflege Standard.
Inzwischen sind zahlreiche Wolken aufgezogen und es gibt sicher mancherorts
einige
Gewitter, unsere Ecke bleibt
jedoch für heute verschont.
Letzter Tagesordnungspunkt für Gerhard, Hermann, Günter und mich: Die Tour am Samstag. Das Ziel ist klar, die Große Fermeda. Nur welche Kletterroute packen wir an. Obwohl die schwierigere SO-Kante einen gewissen Reiz auf uns ausübt, entscheiden sich beide Seilschaften für die laut Führer schönere Route, die Südwand, Schwierigkeitsgrad 3 (UIAA), ca. 350 Höhenmeter. Nach dem Abendessen stärken wir uns noch zusätzlich mit Rotwein für die morgige Tour.
Der Samstag beginnt so, wie der Freitag begonnen hat,
mit einem strahlend blauen Himmel. Nach dem etwas kargen italienischen Frühstück
starten wir 4 ohne Hektik in Richtung Fermeda. Es ist schwül,
der Wetterbericht hat ja auch
zunehmende Gewitterneigung gemeldet, und so rinnt der Schweiß, trotz „normalem“
Gehtempo. Der Einstieg ist leicht zu finden und entpuppt sich als kaminartige
Rinne, in der wir uns über eine längere Strecke seilfrei bewegen können.
Irgendwann kommen wir nur noch mit Klettern weiter und finden einen schönen,
bequemen Platz zum Anseilen. Die obligatorische Blasenentlehrung vor der Tour
will heute nicht so recht funktionieren, wenn man halt alles rausschwitzt bleibt
nichts mehr zum anderweitigen Entsorgen.
In der gesamten Tour wechseln sich Klettergelände und
einfaches bis anspruchsvolles Gehgelände ab. Da es nur wenige Haken gibt, müssen
wir viel selbst
absichern, was unser
Vorankommen etwas verlangsamt. Es ist inzwischen schon einige Bewölkung
aufgezogen und als wir auf dem letzten, fast waagerechten Stück des Gipfelgrates
ankommen, sehen wir von Norden her gewittrige Wolken auf uns zukommen, lange
wird das Wetter nicht mehr halten! Nach sehr kurzem Aufenthalt drängt es uns zum
Abstieg, zumal wir auch schon spüren wie sich die Haare an unseren Körpern
aufstellen – Der unausgesprochene Gedanke: bloß weg von hier, wenigstens schnell
die Gipfelregion verlassen! Schon beginnt es auch leicht zu regnen, schnell ist
mein Hemd feucht und es beginnt von meinem Helm zu tropfen, die Felsen werden
naß – Mist, auch das noch! Der Wettergott ist am heutigen Tag jedoch gnädig mit
uns, es hört sehr schnell wieder auf zu regnen und mein Hemd wird, dank der
hohen Temperatur, beinahe so schnell wieder trocken wie es naß geworden ist. Das
Ganze war wohl nur ein kleiner Nerventest! Weiter unten treffen wir 3 Italiener,
die dankbar unser Angebot annehmen unser 50 m Doppelseil beim Abseilen mit
benutzen zu dürfen, was ihnen sicherlich einiges an Mühe erspart und uns auf der
Hütte ein Freibier eingebracht hat. Zurück auf der Hütte bleibt uns an diesem
Tag nicht allzu viel Zeit bis zum Abendessen. Erst mal müssen wir natürlich was
trinken. Ehe ich mich versehe, stehen fast gleichzeitig ein alkoholfreies
Getränk, ein spendiertes Weizen und das bereits erwähnte Freibier vor mir. Beim
Trinken entsteht da fast mehr Streß als am Berg, doch mein Körper nimmt das
alles dankbar in sich auf.
Später am Abend holen uns die Gewitter doch noch ein. Anfänglich genießen wir das Schauspiel der am Nachthimmel zuckenden Blitze begleitet von Doris’ Entsetzensschreien, als es jedoch zu stürmen und zu regnen beginnt flüchten alle – die meisten in die Gaststube. Ich lasse mich von meinem schon spürbar alkoholisierten Körper überreden meine Koje aufzusuchen, eigentlich ist ja auch schon langsam Zeit dafür. Wenn ich den Behauptungen mancher Lagergenossen glauben darf, die angeblich nicht viel später zu Bett/Lager gegangen sein wollen, dann muß ich relativ schnell mein Bewußtsein verloren haben.
Am Sonntag Morgen – Abreisetag – ist alles wieder in
Ordnung. Der Kopf ist klar, ich fühle mich fit und der sich am Vorabend
angedeutete Muskelkater scheint sich
nicht
durchgesetzt zu haben, nur der Himmel ist bewölkt, aber die Gipfel sind frei.
Für heute ist der Weg zur Steviahütte mit anschließendem Abstieg Richtung
Wolkenstein vorgesehen. Nachdem mein leichter Rucksack gepackt und mit dem
schweren Zusatzgepäck vereint ist, kann’s losgehen. Nach leichtem Abstieg müssen
die fast 500 Höhenmeter zum sog. Piza-Sattel bewältigt werden, eine in der
schwülen Luft erneut schweißtreibende Angelegenheit. Wir wollten es ja so! Oben
gibt’s zur Belohnung eine schöne Aussicht Richtung Cir-Spitzen und Sas Ciampac.
20 min. später auf der Steviahütte wird das Panorama perfektioniert – der
Langkofel steht da, in seiner vollen Größe. Obwohl von zuhause kalorienmäßig mit
den besten Absichten gestartet, kann ich jetzt hier beim Capuccino dem leckeren
Kuchen nicht widerstehen. Als wir wieder aufbrechen fühlen sich meine Beine
furchtbar schwer an. Bei den paar kurzen Gegenanstiegen schleppe ich mich so
dahin. Der Weg führt durch eine wunderbare Felsenlandschaft, vorbei an tiefen
Schluchten und schließlich in steilen, Oberschenkel strapazierenden Serpentinen
bis kurz vor Wolkenstein.
Wir
biegen ab, tauchen nach einigem Suchen in einen kleinen, versteckten Pfad durch
den Wald ein und kommen nach anstrengenden 250 „Tiefenmetern“ schwitzend in St.
Christina an. Ein sehr schöner Kurzurlaub in den Bergen geht zu Ende. Mit einem
letzten Blick auf den Langkofel und dem ernsten Versprechen „Ich komme wieder“
klingt für mich die Sektionsfahrt aus.
Peter