Silvretta, 30.06.-03.07.06
Großvenediger, Fr-Mo 30.06. - 03.07.2006, so steht's im Programmheft.
Start 7°° in Amberg. Mit fertig gepackten Hochtourenrucksäcken stehen wir am vereinbarten Treffpunkt vor der Geschäftsstelle und könnten eigentlich starten. Wenn da nicht die Sache mit dem Wetter wäre. Der Alpenvereinswetterbericht hat zwar gute Verhältnisse vorhergesagt, aber auch Restbewölkung und einzelne abziehende Regenfälle für den östlichen Teil der Ostalpen. 2005 musste ich meine Venedigertour wegen des berüchtigten Genuatiefs komplett ausfallen lassen, sollte die Tour heuer schon wieder ins Wasser fallen!?
Kurz entschlossen rufen wir auf der Wiesbadener Hütte in der Silvretta an. Nach
der Zusicherung, dass in den Gasträumen zwei TV-Geräte aufgestellt sind - das
Viertel-finalspiel bei der Fußball-WM steht an! - reserviere ich für die
nächsten Tage fünf Lager für Franz, Günter, Hermann, Wolfgang und mich.
Nach problemloser Anfahrt über München, Fernpaß, Landeck erreichen wir über die Silvretta-Hochalpenstraße die Bieler Höhe (2032 m), wo uns zur Bestätigung meiner Entscheidung strahlend blauer Himmel erwartet. Beim gemütlichen Zustieg zur Wiesbadener Hütte (2443 m) können wir schon mal unsere Ziele für die nächsten Tage bewundern.
Am Samstag steht der Piz Buin (3312 m) auf dem Programm. Gespannt studieren wir von der Hüttenterrasse aus das Wiesbadener Grätle, eine Felsstufe, über die der Aufstieg erfolgen soll. Laut Alpenvereinsführer einige Stellen II, später im Jahr kann die Randkluft etwas Probleme bereiten. Aufgrund der zunehmend fortschreitenden Ausaperung kann der Übergang aber auch den IV. Grad erreichen oder sogar ungangbar werden. Der Hüttenwirt versichert uns aber, dass der Übergang problemlos sei. Trotzdem haben wir ein etwas mulmiges Gefühl, von der Hütte aus sieht der Fels senkrecht aus. Das Viertelfinalspiel Deutschland gegen Argentinien bringt uns dann auf andere Gedanken. Allerdings können die Fußballbegeisterung in der Hütte anscheinend nicht alle teilen. An unserem Tisch sitzen zwei Sachsen – alte Elbsandsteinkletterer, wie wir vermuten - die den Fernseher keines Blickes würdigen, ja sogar bei den am Schluss nicht wenigen Toren kaum reagieren.
Samstag 6³°, eine für Hochtouren humane Zeit. Nach dem Frühstück und dem
Eincremen mit Sonnenschutz (welche Marke wohl?) marschieren wir bei wieder
strahlend blauem Himmel los und erreichen über den Vermuntgletscher, zuletzt
über ein steiles Schneefeld das Wiesbadener Grätle. Je näher wir kommen, desto
übersichtlicher und strukturierter wird das Gelände. Nach kurzer, leichter
Kletterei im II. Grad erreichen wir unseren Brotzeitplatz in der
aussichtsreichen Scharte. Vor uns sehen wir den Weiterweg über den
Ochsentaler Gletscher in die
Buinscharte. Von da geht's im Schrofengelände, im Mittelteil auch im II-er
Gelände über die Westflanke auf den Gipfel, wo uns ein herrliches Panorama
erwartet. Im Süden grüßen der Ortler, vor allem aber die Bernina, wo man schon
die einzelnen Gipfel unterscheiden kann. Im Nahbereich dominiert der Piz Linard
mit seinen ausgeprägten Graten, mit 3411 m auch um einiges höher. Im Norden
sehen wir das Ochsental mit der Wiesbadener Hütte, im Osten können wir unser
morgiges Ziel, die Dreiländerspitze, begutachten. Viele weitere Gipfel und
Gebirgsgruppen stehen Spalier, sie alle aufzuzählen fehlt der Raum und wohl auch
das Wissen dazu.
Beim Abstieg begegnen uns in der Buinscharte die beiden Sachsen. Sie waren vor uns von der Hütte aus zur gleichen Tour wie wir gestartet, hatten aber den falschen Weg Richtung Dreiländerspitze gewählt. Wir können ihre Ausrüstung bewundern, z.B. Eispickel mit Holzschaft. Auf ihre Frage, welcher Abstieg wohl besser wäre, stellt sich dann heraus, dass die beiden keinerlei Hochgebirgserfahrung haben. Sie machen mit ihren Familien Urlaub im Tal und wollen sich mal ein besonderes Bergerlebnis gönnen. Für den Abstieg wählen wir den Weg über den Ochsentaler Gletscher, an dessen Zunge wir dann ausgiebig Rast machen. Beim Kaffee (leider ohne Apfelstrudel) auf der Hüttenterrasse sehen wir später beruhigt unsere beiden Sachsen einlaufen, Gott sei gedankt hatten sie keine Probleme mit der Wegfindung oder Gletscherspalten!
Obwohl Deutschland heute nicht spielt, gibt es anscheinend doch viele Fußballbegeisterte auf der Hütte, darunter auch einige Schwerhörige, zumindest der Lautstärke des Fernsehgerätes nach zu urteilen. Zum Glück gibt es noch Nebenzimmer, wo man sich in Ruhe unterhalten kann und sich mit Rotem die nötige Bettschwere holen kann.
Am Sonntag steht die
Dreiländerspitze (3197 m) auf dem Programm. Beim Zustieg müssen wir auf dem
Vermuntgletscher die Steigeisen anlegen. Die steile Nordflanke ist in einer zum
Teil knietiefen Spurrinne sehr gut zu gehen. Im Fels folgen dann einige Stellen,
wo man schon ordentlich hinlangen muss, vor allem beim Übergang zum Hauptgipfel,
wo man gleichzeitig in Graubünden in der Schweiz sowie Vorarlberg und Tirol in
Österreich steht. Nach ausgiebiger Brotzeit und Trinkpause (auch Hermann hatte
heute ein Getränk dabei!) machen wir uns im inzwischen weichen Firn an den
Abstieg in die Obere
Ochsenscharte. Unterwegs treffen wir noch einen Innsbrucker Studenten, der in diesem Winter seine 100! Skitour unternimmt. Einer seiner Freunde fliegt mit dem Gleitschirm zu Tal.
Von der Ochsenscharte aus wollen wir im weg-
und markierungslosen Gelände über
den Jamtalferner die Tiroler Scharte erreichen, von wo aus wir in netter
Blockkletterei (II) auf Empfehlung des Hüttenwirts den Tiroler Kopf (3095 m)
besteigen. Ein echter Geheimtipp! Kurz vor der Scharte demonstriert einer der
Teilnehmer noch, wie schnell man im steilen Gelände auch auf weichem Firn noch
werden kann, wenn man ausrutscht. Auf das Sonnenbad am Gipfel (siehe rechts)
hätten wir besser verzichtet, beim Kaffee auf der Hütte war der Apfelstrudel
schon wieder aus!
Meine Venedigertour war ja auf fünf Tage ausgelegt. Abends stehen wir nun vor der Frage, was wir an dem noch freien Tag unternehmen sollen. Die Paradegipfel der Wiesbadener Hütte hatten wir an zwei tollen Tourentagen bereits bestiegen. Als Alternative steht noch ein Übergang zur Jamtalhütte mit Talhatsch zur Debatte, der aber am energischen Protest vom Wolfgang scheitert. Da muss irgendeine unangenehme Erinnerung in Zusammenhang mit seinen Füssen hochgekommen sein!? Also entscheiden wir uns dafür, am nächsten Tag zur Bieler Höhe abzusteigen und nach Hause zu fahren. Warum sollte man eine Tour zwanghaft ausdehnen, wenn man die gesetzten Ziele bereits erreicht hat, und das bei besten Bedingungen.
Auf der Hütte ist noch ein Bergführer mit einigen Gästen. Am Abend macht er mit Ihnen vor der Hüttenterrasse noch einige Spaltenbergungsübungen. Dabei dürfen wir eine junge Frau 'bewundern', bei der wirklich alle Ausrüstungs- und Kleidungsstücke perfekt farblich aufeinander abgestimmt sind. Grundfarbe ist schwarz, mit den passenden goldfarbenen Karabinern am schwarzen Klettergurt, natürlich alle ordentlich ausgerichtet. Ich wusste auch noch nicht, dass es auch schwarze Reepschnüre gibt. Bei der Übung werden natürlich feine schwarze Fingerhandschuhe angezogen. Jedenfalls haben wir für einige Zeit genügend Gesprächsstoff, Lästern ist ja soooo schön.
Am Montag früh dürfen wir richtig schön bummeln und uns mit dem Frühstück Zeit
lassen. Spät wird's allerdings auch nicht, denn wie schon in den vergangenen
Tagen benötigen wir wieder keinen Wecker, da zwei unserer Kameraden anscheinend
eingefleischte Frühaufsteher sind. Nur der Abstieg zur Bieler Höhe ist uns schon
etwas zu wenig. Beim Blick in die Karte sticht das Hohe Rad ins Auge, das mit
seinen 2934 m
zwar nicht so hoch
ist, aber vorgelagert vor den Gletscherbergen eine gute Aussicht verspricht.
Nach dem schweißtreibenden Anstieg unter natürlich strahlend blauem Himmel in
den Radsattel suchen wir den Abzweig zum Gipfel, steht doch im Führer etwas von
weg- und markierungslos. Hier ist der Alpenvereinsführer anscheinend nicht
aktuell, finden wir doch schnell einen gut markierten und angelegten Weg. Am
Gipfel erwartet uns die versprochene Aussicht. Der Blick zu den hohen Bergen vor
allem nach Süden ist zwar durch die Berge im Hauptkamm versperrt, der Blick auf
die Silvrettagipfel entschädigt aber um so mehr, vor allem können wir unsere
Touren der vergangenen Tage verfolgen. Nach ausgiebiger Rast machen wir uns an
den landschaftlich schönen und einsamen Abstieg über den Radsattel zur Bieler
Höhe.
Bei der Ankunft am Auto erfahren wir per SMS von einer Bekannten, die zur gleichen Zeit im Venedigergebiet unterwegs ist, dass das Wetter dort zwar auch schön ist, aber die Gipfel sich zum Teil in Wolken verhüllen, eine Bestätigung für meine Entscheidung, in die Silvretta und nicht zum Venediger zu fahren!
Fazit: Für eine Ausweichtour haben wir drei tolle Tourentage erlebt. Das Wetter war mehr oder weniger perfekt, wir haben anspruchsvolle Gipfeltouren unternommen, die Truppe hat gut zueinander gepasst und der Großvenediger läuft uns auch nicht davon. Wahrscheinlich werde ich ihn im nächsten Jahr nur als Ausweichtour in Betracht ziehen, vielleicht klappt's ja dann mit der freien Sicht nach Venedig.
GeSie