Hochtouren in der Schobergruppe
Die ersten im Mitteilungsblatt ausgeschriebenen Hochtouren sollen in der Schobergruppe sein, in einem Gebiet, in dem die Berge nicht extrem hoch und auch nicht extrem schwierig sind. Trotzdem hatte ich mir natürlich auch die eine oder andere anspruchsvolle Tour ausgesucht, es sollte ja schließlich auch ein bißchen was geboten sein. Und natürlich gibt es da in unmittelbarer Nachbarschaft, sozusagen zum Greifen nahe, den Großglockner, einen Berg, der sicherlich den einen oder anderen reizt. Das jedenfalls waren so meine Gedanken, als ich die Schobergruppe auswählte. Denkste – erst mal meldete sich nur Roland an. Später kam dann noch einer hinzu und irgendwann waren wir dann, zusammen mit mir, tatsächlich vier.
Schließlich ist der September da, das Hochdruckgebiet auch, und wir starten, leicht verspätet, am 16. September zur Lesachalmhütte, alle zusammengequetscht in meinem Auto. Keiner von uns ist zuvor schon einmal dort gewesen und so sind wir gespannt, welche Touren uns da wohl erwarten, natürlich hoffen auch die meisten von uns den Glockner zu bezwingen.
Der Aufstieg zur Lesachalmhütte fällt uns noch ziemlich leicht, trotz der relativ schweren Rucksäcke, die tragen ja auch die beiden Senioren der Truppe. Am späten Nachmittag sitzen wir vor der Hütte, füllen unseren Flüssigkeitspegel mit diversen Getränken auf und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Als die verschwunden sind, verschwinden wir in der Hütte, draußen ist es herbstlich frisch. Meiner Faulheit ist es zu verdanken, daß zunächst einmal die meisten Touren von diesem Stützpunkt aus geplant sind, so hält sich das Gewicht des Rucksacks zumeist in Grenzen. Nun gilt es festzulegen, mit welchem Berg wir beginnen. Der Hochschober mit seiner Nordflanke ist von der Hütte aus nicht zu sehen, eigentlich wollen wir mit ihm auch gar nicht beginnen. Zu sehen ist der Glödis, und wie! Mächtig steht er über dem Lesachtal, mit Recht als das Matterhorn der Schobergruppe bezeichnet. Eine Herausforderung für jeden Bergsteiger. So wundert es nicht, daß wir, nach einigem Zögern, uns für ihn entscheiden. Die lohnendste Tour auf den Glödis ist nach AV-Führer der SW-Grad. Daß wir uns mit ihm zugleich mit einem hammermäßigen Auftakt unserer Bergwoche entscheiden, ist uns zu diesem Zeitpunkt nicht so hundertprozentig klar.
Um 7.00 Uhr gibt’s Frühstück, dann ziehen wir los. Es ist saukalt. Meine Nase läuft. Der Berg grinst sich vermutlich eins als er uns so laufen sieht, zumal wir noch in die falsche Richtung starten. Das Gipfelkreuz steht 1400 vertikale Meter über uns. Zunächst müssen wir die 1000 Höhenmeter ins Kalser Törl überwinden. Der Weg zieht sich in die Länge, ich glaube wir brauchen mindestens 2,5 Stunden. Jetzt haben wir uns eine kleine Pause verdient. Während ich meine obligatorische Banane reinschiebe, geniesen wir die Sonne, die wir erst jetzt sehen und die uns nun für den Rest des Tages begleiten wird. Die Hauptschwierigkeiten sind in der unteren Hälfte des Grates zu finden, der zu Recht mit 3 bewertet wird. Der Satz im Führer „Die Tour erfordert Ausdauer“ wird für uns sehr bald zur harten Realität. Während wir Seillänge um Seillänge hinter uns bringen, haben wir nicht unbedingt das Gefühl, dem Gipfel schon besonders nahe gekommen zu sein. Da der Grat anfangs nicht sehr steil ist, bestätigt uns ein Blick auf den Höhenmesser auf grausame Art und Weise unser Gefühl, der Gipfel ist noch weit. Endlich wird das Gelände steiler und wir gewinnen zunehmend an Höhe, zumal jetzt auch die Schwierigkeiten abnehmen und wir zumeist gleichzeitig gehen können. Doch die Stunden verrinnen und es ist schon nach 15.00 Uhr, als wir uns am Gipfelkreuz „Berg heil !“ wünschen. Trotzdem, eine Gipfelrast muß sein, die haben wir uns schließlich verdient. Vor uns liegt der lange Abstieg. Er beginnt genau entgegengesetzt zur Richtung, in der unser Stützpunkt liegt und zwingt uns, weglos querend, den halben Berg zu umrunden, bevor wir, ansteigend – ich hasse Gegenanstiege! –, wieder das Kalser Törl erreichen. Die noch fehlenden 1000 Höhenmeter zur Hütte geben unseren Oberschenkeln den Rest. Es ist schon nach 19.00 Uhr, als wir die Hütte wieder erreichen. Von irgendwoher vernehme ich den Satz: "So fertig war ich heuer in den Bergen noch nicht!“. Trotzdem sind wir uns einig eine tolle Tour gemacht zu haben. Gedanken, es morgen etwas ruhiger angehen zu lassen, machen die Runde. Also kein Gipfel. Spät abends, bei Rotwein und Kerzenschein – der Diesel ist schon längst abgestellt – reift der Entschluß, morgen gehen wir zum Gletscher des Hochschober, denn die Hälfte unserer Truppe hat noch nie Steigeisen an den Füßen gehabt.
Die Lesachalmhütte ist eine einfache und urgemütliche Almhütte, die alleine von Frau Unterweger bewirtschaftet wird. Hier muß man sich entscheiden, ob man früh, d.h. vor den Kühen, oder spät, d.h. nach den Kühen, frühstücken will. Wir frühstücken an diesem Tag nach den Kühen. Bei strahlend blauem Himmel ziehen wir los in Richtung Hochschober. Bald merken wir, daß das im Gebirge mit dem Ausruhtag immer so eine Sache ist. Schon nach wenigen Minuten zieht der Weg in steilen Kehren durch den herrlichen Lärchenwald. Nach den ersten 300 Höhenmetern ist uns schon gut warm, dabei haben wir noch mindestens 500-600 Höhenmeter vor uns, bevor wir Eis betreten können. Für unsere jungen Bergaspiranten ist der Tag im Eis auf jeden Fall ein Gewinn, doch die „Schlagkraft“ unserer Berg-Truppe beginnt massiv abzubröckeln. Während gesundheitliche Probleme einen unserer hoffnungsvollsten Nachwuchsbergsteiger lahmlegen, zeigen sich bei manchem Probleme ganz anderer Art: Die Furcht, dem nicht gewachsen zu sein, was bei der nächsten Tour auf uns zukommt – die Hochschober-Nordflanke –, führt zur Verweigerung der Tour. Zu allem Überfluß meldet auch noch der Wetterbericht für Freitag Regen. Nach einigem Hin und Her beschließen die drei noch „Gehfähigen“ für morgen Donnerstag den Hochschober über Schober Törl und Kleinschober anzugreifen.
Der Donnerstag beginnt schön, doch schon bald sind im Westen und Norden und nicht allzuviel später überall hohe Wolkenfelder auszumachen, die ein, zumindest vorübergehendes, Ende der momentanen Schönwetterperiode ankündigen. Gestärkt durch das Frühstück (vor den Kühen) und beschwert mit nur leichten Rucksäcken schaffen wir die ersten 500 Höhenmeter locker in einer Stunde, brauchen aber ins Schobertörl trotzdem so um die 2,5 Stunden. 100 Meter vor dem Törl zwingt uns der Gletscher, wegen lächerlicher 50 Meter Querung im Eis, die Steigeisen anzulegen. So ist’s halt bei Hochtouren! Die leichte Kletterei auf den Kleinschober schaffen wir locker ohne Seil, nur die Atemfrequenz nimmt deutlich zu, schließlich sind auf dem Gipfel 3100 Meter schon wieder deutlich überschritten. Frank reicht’s hier, er gibt sich mit dem Gipfel des Kleinschober zufrieden. Für ihn, der noch nie im Leben Hochtouren im Gebirge unternommen hat, auf jeden Fall eine gute Leistung. Wir überlassen Frank seiner Gipfelrast und wollen schnell noch zum Hochschober rüber. Von wegen schnell, da geht’s noch rauf und runter und unsere Puste wird auch immer weniger. Kurz vor dem Gipfel versperrt uns der obere Rand der Hochschober-Nordflanke den Weg. Brauchen wir für die fast waagrechten 20 Meter Steigeisen oder geht es ohne? Der Firn sieht gut aus und ist es auch, aber den Pickel packen wir vorsichtshalber trotzdem aus. Hochtour halt! Und so dauert es vom Kleinschober zum Hochschober doch noch 40 Minuten. Wir müssen feststellen, daß wir am falschen Tag auf diesem schönen Berg sind. Unser Gipfel ist zwar wolkenfrei, aber die Sicht auf Glockner, Venediger usw. gibt es für uns, wegen der doch schon starken Bewölkung, nicht. Mein Blick fällt in die Nordflanke. Hier herrschen, nach allem, was wir so erkennen können, gute Verhältnisse. Hier hätten wir die Möglichkeit gehabt, eine relativ kurze und verhältnismäßig einfache Eistour zu probieren, was gerade auch für unsere Neulinge sehr interessant gewesen wäre. So eine Chance kriegen wir wohl nie wieder, aber es hat halt nicht sollen sein. Rasch machen wir uns an den Abstieg, vor uns liegt noch ein gutes Stück Weg und die Wolken werden langsam immer mehr. Wie so häufig gehen die Felspassagen dann doch leichter als erwartet und wir kommen gut voran. 100 Meter vor der Hütte beginnt es leicht zu regnen, der kann uns aber nichts mehr anhaben. Optimales Timing !
Der Abstieg ist meinen Oberschenkeln nicht besonders gut bekommen, den anderen macht’s weniger aus – irgendetwas stimmt hier einfach nicht !
Am Abend checken wir nochmal unsere Möglichkeiten. Resumee: Mit unserer sowohl körperlich als auch geistig angeschlagenen Truppe hat es keinen Sinn mehr weiter zu machen. Wir beschließen morgen abzusteigen. Unser Erfolg am Hochschober wird natürlich noch begossen, mit Rotwein bei Kerzenschein.
Gefrühstückt wird heute natürlich nach den Kühen. Etwas wehmütig verabschiede ich mich von der Lesachalmhütte und der Schobergruppe. Die Berge hier sind zwar nicht so bekannt, die Touren vielleicht nicht ganz so spektakulär wie bei manchem berühmten Nachbarn, aber hier ist Bergsteigen noch in seiner urtümlichen Form möglich. Wir waren auf allen unseren Touren alleine unterwegs und auch die Gipfel hatten wir für uns. Nicht unzufrieden mit dem, was wir erfolgreich vollbracht haben, steigen wir ab und erreichen trocken das Auto.
Im nächsten Sommer, so denke ich mir, sind ein paar Gipfel mit viel bekannteren Namen dran, sie stehen vielleicht in der Bernina, mal seh‘n.
Peter Harz